Ng Ying Kuen 五形拳

 

Ng: fünf (5)

Ying: Element, Art (Tierstil)

Kuen: Faust, Boxen

 

"Fünf Tiere Boxen"

 

Die Ng Ying Kuen wurde von Meister Wong Kei Ying entwickelt. Diese Handform basiert auf den Techniken des fünf Tiere Boxens des Shaolin Tempels, die von Abt Chi Sim und Miu Hin (dieser war bekannt für sein Fünf Tiere Boxen) an Schüler wie Hung Hei Guan, Fong Sai Yuk und Luk A Choy weitergegeben wurde. In dieser Handform sind die klassischen fünf Tiere der Shaolin, wie Tiger, Kranich, Leopard, Schlange und der Drachen, die bereits im 12. Jahrhundert im Shaolin- Tempel gelehrt wurden, beinhaltet. Wong Kei Ying entwickelte daraus eine Handform, um das Hung System, zusätzlich zu den repräsentativen Tieren wie dem Tiger und dem Kranich, mit drei weiteren Tierformen (Drache, Schlange, Leopard) zu erweitern. Diese sollen dem Übenden weitere Charaktereigenschaften aufzeigen, die er sich im Kampf zu nutze machen kann.

Bei der Schlange ist die Feinheit und der Fluß der Bewegungen sehr wichtig. Eine Schlange läßt sich nicht greifen. Wachsam beobachtet sie den Feind und beißt blitzschnell im richtigen Moment zu. Sie findet für ihre Attacken immer eine passende Lücke. Nach einem Angriff folgen entweder sofort neue Angriffe oder die Schlange geht wieder in Beobachtungshaltung, um zu sehen wie der Gegner reagiert. Schnelle Attacken auf gefährliche Vitalpunkte sind ihr Markenzeichen. Die schnellen Bewegungen der Schlangentechnik lockern den Körper und insbesondere die Arme und Beine des Übenden.

Der Leopard steht für Kraft und Schnelligkeit. Er teilt mit seinen Pranken blitzschnelle aber sehr kräftige Schläge aus. Aus einer geduckten Haltung heraus, springt er plötzlich den Gegner an und teilt dabei mit seinen Krallen harte Hiebe aus. Die Technik des Leoparden erfordert starke Beinmuskulatur, da die Stellungen teilweise extrem tief sind.

Der Tiger schult die Willenskraft und die Entschlossenheit. Er hat einen kräftigen Körper und starke Krallen. Man sagt, die Tigertechniken bilden die Knochen aus. Somit wird der gesamte Körper gekräftigt was auch das Durchhaltevermögen des Übenden verbessert.

Beim Kranich steht die Ausbildung der Sehnen im Vordergrund. Der Kranich ist ein recht graziöses Tier, das immer Haltung bewahrt. Durch blitzartiges hohes Treten schult der Kranich auch das Gleichgewicht. Zudem lehrt er Flexibilität und Weichheit. Ein Kranich läßt sich nicht direkt treffen. Er weicht den Attacken aus und kontert selbst mit seinem spitzen Schnabel.

Der Drache soll lehren, das Qi im gesamten Körper aufzubauen und die Atmung zu kontrollieren. Die Atemtechniken des Drachens richten sich dabei nach den Fünf Elementen, um die entsprechenden Organe mit Energie zu versorgen. Nach der chinesischen Mythologie stellt der Drache das höchst entwickelste Wesen (Fabelwesen) dar. Er ist nahezu perfekt und besitzt die höchste Weisheit. Es heißt, "ein vollkommener Mensch kann die Drachen im Himmel fliegen sehen". Nach chinesischer Sicht sind Drachen, im Gegensatz zu der abendländischen Variante, friedlebende Wesen und verdienen höchste Ehre und Achtung. Ein Drache kann jede Gestalt annehmen und paßt sich ständig den Situationen an.

Auf die Kampfkunst angewendet bedeutet das, daß der Drachen formlos ist und sich somit in jeder Technik befinden kann. Das Richtige zum richtigen Zeitpunkt zu tun und weise über all seine Techniken zu regieren, das ist die Art des Drachens.

 

Wichtig ist die Atmung des Drachens, die das Qi im gesamten Körper kreisen läßt. Die Atmung des Drachens richtet sich nach den Fünf Elementen, die in der chinesischen Philosophie neben den Urkräften Yin und Yang (kant. Yam und Yeung) eine sehr wichtige Rolle spielen. Ganz gleich ob in der Medizin, Kampfkunst, Astrologie, Religion, Geomantie (Feng Shui – die chinesische Lehre der Harmonie mit der Natur), Kunst und Kultur, überall sind die Fünf Elemente allgegenwärtig. Alles läßt sich in die Lehre dieser Elemente einordnen. Sie verkörpern das Entstehen und Vergehen des Lebens sowie das Zusammenspiel aller Komponenten. So ist auch der Körper und die Organe des Menschen den Fünf Elementen zugeordnet:

 

Holz Leber, Gallenblase
Feuer Herz, Dünndarm
Erde Milz, Magen
Metall Lunge, Dickdarm
Wasser Niere, Blase

 

Ziel der Atmung des Drachens ist es, mit gezielten Atemtechniken sowie speziellen Bewegungen, das Qi (Lebensenergie) in die entsprechenden Organe zu leiten, um diese zu kräftigen und gesund zu erhalten. Bei diesen Atemübungen werden verschiedene Laute ausgestoßen, die verschiedene Gefühlsregungen darstellen sollen.

Diese Laute und Gefühlsregungen lassen sich wiederum den verschiedenen Organen und somit wieder den Elementen zuordnen:

 

Wut, Zorn Leber (Holz)
Freude, Lachen Herz (Feuer)
Nachdenklich, Grübeln Milz (Erde)
Traurigkeit, Weinen Lunge (Metall)
Angst, Schreck Niere (Wasser)

 

Mit diesen Lauten werden nun gezielt die einzelnen Organe angeregt. So lernt man durch diese Atemübungen die verschiedenen Gefühlsregungen zu kontrollieren. Es dauert sehr lange, bis man sich diese Atemtechniken angeeignet hat und sich diese zunutzen machen kann.

Die Atemübungen in der Ng Ying Kuen sind (wie später bei der Tit Sin Kuen) sehr wichtig und können bei falscher Anwendung großen Schaden der inneren Organe verursachen. Um diese zu meistern bedarf es viel Übung und der gewissenhaften Anleitung eines erfahrenen Lehrers. Das Verständnis der Wirkungsweisen der Fünf Elemente (Erschaffungs- und Kontrollzyklus) ist sehr wichtig. Ohne dieses Wissen, wird man diese Form nie richtig verstehen können:

Im Erschaffungszyklus bringt jedes Element ein anderes hervor.

Holz schafft Feuer,

Feuer wird zu Asche (Erde),

Erde bringt Metall hervor,

Metall wird flüssig und es entsteht Wasser,

Wasser läßt das Holz wachsen.

Jedoch kontrolliert jedes Element wiederum ein anderes. Der Kontrollzyklus sieht wie folgt aus:

Holz verdrängt Erde,

Erde verschmutzt Wasser,

Wasser löscht Feuer,

Feuer verbrennt Metall,

Metall schneidet Holz.

 

In dieser Handform entdeckt man in hohem Maße den gesundheitlichen Aspekt des Hung Gar Stiles. Wenn zu Beginn des Hung Gar Kuen Studiums mit der Gung Ji Fok Fu Kuen und der Fu Hok Seung Ying Kuen die Kräftigung des Köpers im Mittelpunkt steht, so verfolgt die Ng Ying Kuen zusätzlich auch die Ausbildung der inneren Seite. Hier liegt der Schwerpunkt auf der Stärkung der inneren Organe. Die Ng Ying Kuen ist eine Form, die ausschließlich den fortgeschrittensten Schülern des Hung Stils vorbehalten ist, da sie sehr viel Erfahrung bezüglich Bewegung und Atmung voraussetzt. Mit dieser Form wird der letzte Ausbildungsaspekt des Hung Gar Kuen eingeleitet.

Videoclip der Ng Ying Kuen von Sifu Hagen Bluck

 

Copyright © Hung Gar Kuen Martial Arts Association Germany Sifu Hagen Bluck